Heute habe ich meinen dreijährigen Neffen gefragt was er später einmal werden möchte. Es kam wie aus der Kanone geschossen: Pirat! Was für ein weiser, weiser Junge. Was für ein veritabler Berufswunsch. Er kann und braucht keine langweilige Ausbildung zu machen. Keine Stunde verschwendet er in einem stickigen Schulzimmer in Neuaffoltern, wo frustrierte Lehrer abgelutschte Theorie vortragen und immer wieder betonen, dass man dann dieses und jenes im Arbeitsleben brauche, sodass man am Schluss tatsächlich glauben könnte, dass man bei der Arbeit nicht grösstenteils mit Vollidioten zu tun habe. Stattdessen wird er vom ersten Tag an in das kalte Wasser geworfen. So lernt er schwimmen und ausserdem über die grossen Taue wieder auf Achtern zu klettern, mit dem Säbel im Mund und mit der Entschlossenheit seinen Widersacher in die Schranken zu weisen. Er muss zuerst das Deck schruppen und den Affen vom Kapitän füttern, der das bessere Essen als er selbst bekommt. So lernt er hart zu arbeiten und andere Piraten zu respektieren, welche hier nicht heuchlerisch Arbeitskollegen oder Kommilitonen heissen, sondern Jeff der Einäugige oder Holzbein Henry. Die beschissene Corporate Identity beschränkt sich hier auf das Piratenabzeichen, welches stolz auf dem Rücken seiner zerrissenen Jacke und natürlich hoch oben auf der Fahne prangt. Er beginnt auf der untersten Stufe, aber wenigstens nennt ihn niemand Lehrling, oder noch schlimmer Lernender. Er muss an keine verkackten Meetings, wo irgend so ein Lehrlingsbeauftragter mit wässrigen Augen und weinerlicher Stimme mit ihm seine Noten bespricht. Macht er etwas falsch so gibt es einen Klaps und das nächste Mal macht er es besser. Unüberbrückbare Differenzen werden mit dem Säbel ausgefochten, wo einer vielleicht ein Auge verliert, dafür ab dann eine supercoole Augenbinde tragen darf und so mehr Respekt bekommt und langsam aber sicher in der Hierarchie aufsteigt. Er beschäftigt sich dann mit der Nautik und kann direkt vom Kapitän lernen, der immerhin 50 Jahre Berufserfahrung aufweisen kann. So kommt was kommen muss und bald steuert er das Schiff über die sieben Weltmeere und kommandiert über drei Dutzend Seemänner. Ganz ohne Meetings, Stellvertreterregelung und Projektstandssitzungen. Anstatt einem Bonus gibt es ein paar Fässer Whiskey und Säcke voller Gold. Er lernt die ganze Welt und alle Kulturen kennen, ist frei wie ein Vogel, fast immer draussen und hat seine Familie stets dabei. Und manchmal am Abend steht er oben am Steuer, lauscht dem Schnarchen der Seemänner unter Deck und dem Wind der in die Segel bläst. Er nimmt noch einen Schluck Rum und schaut auf die unendlichen Weiten des Ozeans und er wird sehr glücklich sein. Sehr stolz und glücklich. Was für ein weiser Junge mit seinen drei Jahren.

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One thought on “Der Pirat

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